«Für mich persönlich ist Hören Lebensfreude»

    Jeweils am 3. März erinnert der Welttag des Hörens der World Health Organisation daran, wie zentral gutes Hören für Lebensqualität und soziale Teilhabe ist. Angesichts einer alternden Bevölkerung und steigender Lärmbelastung gewinnt das Thema auch in der Schweiz zunehmend an Bedeutung. Hörakustikerin Julia Schopp, Inhaberin hören & erleben GmbH sowie Präsidentin von AKUSTIKA Schweizerischer Fachverband der Hörgeräteakustik, spricht über verbreitete Missverständnisse rund um Hörverlust, technologische Innovationen – und darüber, warum Hören für sie ganz persönlich Lebensfreude bedeutet.

    (Bilder: zVg) Julia Schopp: «Im Rückblick bedauern viele meiner Kunden, dass sie so lange mit der Hörversorgung gewartet haben.»

    Welche besondere Bedeutung hat der «Welttag des Hörens» den die WHO jährlich am 3. März ausruft, für Sie persönlich und für die Branche insgesamt?
    Julia Schopp: Nach Einschätzungen der WHO leben weltweit 1.5 Milliarden Menschen mit einem Hörverlust. Viele Fälle sind auf vermeidbare Ursachen wie beispielsweise Lärmbelastung zurückzuführen und nur ein geringer Teil der Menschen ist ausreichend versorgt. Für mich und meine Kollegen ist es wichtig, die Menschen aufzuklären, damit sie ihre Hörgesundheit möglichst lange erhalten und bei einem bestehende Hörverlust die richtigen Schritte einleiten.

    Das Motto des diesjährigen Aktionstages lautet «Klingt nach Leben!» Welche Botschaft und welche Vision verbinden Sie mit diesem Leitgedanken?
    Für mich persönlich ist Hören Lebensfreude. Ich singe in einem Chor, spiele Klavier und tanze gerne zur Musik – das klingt für mich nach Leben. Für mich ist es eine grosse Motivation, anderen Menschen die gleichen Chancen zu geben.

    Warum ist es heute wichtiger denn je, das Thema Hörgesundheit stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken?
    Durch eine alternde Bevölkerung werden immer mehr Menschen in der Schweiz von einer Hörminderung betroffen sein, aktuell ist es etwa jeder zehnte erwachsene Einwohner. Es ist wichtig, dass diese Menschen über ihre Möglichkeiten aufgeklärt werden, und dass wir uns politisch für ihre Barrierefreiheit zum Beispiel am Arbeitsplatz und im öffentlichen Raum einsetzen.

    Mit welchen Missverständnissen oder Vorurteilen rund um Hörverlust werden Sie in Ihrer täglichen Arbeit am häufigsten konfrontiert?
    Der Klassiker ist, dass Menschen mit Hörminderung den Eindruck haben, dass ihre Angehörigen absichtlich nuscheln oder zu leise sprechen. Die Partner hingegen haben das Gefühl, dass der Betroffene nicht zuhört oder nur das versteht, was er verstehen will. Für viele Paare wird das zu Belastungsprobe. Ich verstehe mich dann als Vermittlerin. Hier ist die Aufklärung wichtig zum Beispiel, dass schwerhörige Menschen oft nur in bestimmten Frequenzbereichen schlecht hören und dann nur einzelne Konsonanten nicht verstehen können.

    Ab welchem Zeitpunkt empfehlen Sie einen Hörtest – auch wenn noch keine akuten Beschwerden wahrgenommen werden?
    Ich würde jedem, der noch nie einen Test gemacht hat einen Hörtest empfehlen. Hörtests dauern etwa 20 Minuten und man hat danach die Gewissheit, wie es um das eigene Gehör steht. Ab dem 50. Lebensjahr empfehle ich regelmässige Kontrollen ca. alle zwei bis drei Jahre, da das Risiko einer Altersschwerhörigkeit mit jedem weiteren Lebensjahr ansteigt.

    Ein echter Mehrwert: Der Beruf des Hörakustikers ist sehr serviceintensiv. Hörakustiker begleiten Menschen über Jahre und Jahrzehnte.

    Was kann jede und jeder Einzelne konkret tun, um das Gehör langfristig zu schützen und gesund zu erhalten?
    Ganz wichtig ist der Gehörschutz bei Lärm! Am Arbeitsplatz haben sich die Bedingungen zum Glück schon verbessert. Bis vor ein paar Jahren konnte ich einen Schreiner noch anhand seines massiven Hörverlustes erkennen. Heute achten die Betriebe zum Glück besser auf den Schutz ihre Angestellten. Im privaten Bereich sehe ich noch deutliches Verbesserungspotential. Bei der diesjährigen Kinderfasnacht habe ich leider kaum ein Kind mit Gehörschutz gesehen, obwohl das Gehör von Kindern besonders empfindlich ist. Das ist ein vermeidbares Risiko. Und von einem gesunden Lebensstil profitieren die Ohren ebenfalls – zum Beispiel Rauch- und Alkoholverzicht, gesunde Ernährung und Vermeidung von Stress.

    Welche Auswirkungen hat unbehandelter Hörverlust auf Lebensqualität, soziale Beziehungen und beruflichen Alltag?
    Je nach Grad des Hörverlustes kann die Lebensqualität enorm leiden. Die Menschen ziehen sich häufig zurück und vermeiden grössere Anlässe. Soziale Kontakte sind oft mit einer gewissen Frustration und Missverständnissen verbunden. Im Beruf bleiben schwerhörigen Menschen oft hinter ihren eigenen Fähigkeiten zurück. Sie ermüden schneller, da sie sich permanent Überanstrengen müssen. Die Kommunikation am Telefon oder im Grossraumbüro ist kaum möglich. Langfristig ist das Risiko an einem Burnout oder einer Depression zu erkranken erhöht.

    Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Kundinnen und Kunden nach der Anpassung eines modernen Hörsystems besonders häufig?
    Im Rückblick bedauern viele meiner Kunden, dass sie so lange mit der Hörversorgung gewartet haben und die Einbussen der Lebensqualität in Kauf genommen haben. Sie fragen sich, wovor sie eigentlich Angst hatten. Viele freunden sich richtig mit ihrem Hörsystem an. Geniessen es, dass sie Musik auf die Hörsysteme streamen können, dass sie den Fernseher wieder auf normaler Lautstärke hören, und dass sie im Gespräch mit Freunden wieder mitreden können.

    Wie haben sich Hörsysteme in den vergangenen Jahren technologisch weiterentwickelt – und was bedeutet das für die Nutzerinnen und Nutzer?
    Ein grosses Thema in der Hörakustik ist die künstliche Intelligenz. Sie ermöglicht eine deutlichere Trennung von Sprache- und Störlärm und kann die Hörwünsche der Nutzer analysieren. Das hebt die Qualität des Hörens auf ein neues Niveau.

    Welche aktuellen Innovationen in der Hörakustik begeistern Sie persönlich besonders?
    Mich begeistert es, dass viele Hörsystem-Hersteller in ihren Hörsystemen bereits Bluetooth-Auracast anbieten. Das ist ein neuer Bluetooth-Standard, der es ermöglicht Audiosignale von einem Sender an eine unbegrenzte Anzahl von Empfängern (Hörsysteme, Kopfhörer, Lautsprecher) zu übertragen. Unser Ziel sollte es nun sein, möglichst viele öffentliche Orte mit Sendern auszustatten, damit die Barrierefreiheit für schwerhörige Menschen gegeben ist. Profitieren könnten diese dann zum Beispiel in der Kirche, im Theater, im Museum und im öffentlichen Verkehr, wenn Sprecher oder Durchsagen direkt auf die Hörsysteme übertragen werden.

    Was motiviert Sie persönlich in Ihrer Arbeit in der Hörakustik am meisten?
    Für mich ist es motivierend, dass meine Arbeit für die Menschen einen echten Mehrwert bietet. Der Beruf des Hörakustikers ist sehr serviceintensiv. Wir begleiten Menschen über Jahre und Jahrzehnte, das finde ich schön. Zudem wird es nie langweilig, da man immer mit neuen Fällen und anderen Bedürfnissen konfrontiert ist und unsere Anpassungsprozesse und die Technik der Hörsysteme sich laufend weiterentwickeln.

    Gibt es Begegnungen oder eine Erfolgsgeschichte aus Ihrem Berufsalltag, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
    Da gibt es viele besondere Geschichten. Eine ist mir aber sehr präsent, da sie erst kürzlich passiert ist. Ein Kunde war zu Beginn unseres ersten Gesprächs sehr skeptisch. Er wirkte verschlossen, sass mit verschränkten Armen vor mir und machte keinen Hehl daraus, dass er eigentlich nur auf Drängen seiner Familie den Termin wahrnahm. Trotz seiner ablehnenden Haltung liess er sich – wenn auch zögerlich – auf ein Probetragen ein. Dieser Schritt war entscheidend. Er war bereit es zumindest auszuprobieren. Beim Kontrolltermin brachen dann alle Dämme. Er sass mit Tränen in den Augen vor mir und berichtete bewegt von seinen neuen Hörerlebnissen. Das hat mich so sehr berührt, dass mir auch die Tränen in die Augen stiegen. Diese Entwicklung in wenigen Tagen zu sehen, war eindrücklich.

    Interview: Corinne Remund

     


    Die Akustika ist der Schweizerische Fachverband für Hörsystemakustik. Die Akustika setzt sich konsequent für den qualitativen Hörsystemfachhandel ein und unterstützt ihre Mitglieder mit umfassenden Dienstleistungen. Als starke Netzwerkplattform verschafft Akustika direkten Zugang zu gesammelten Erfahrungswissen und praktischen Tools für eine erfolgreiche und zukunftsfähige Geschäftsentwicklung. Dazu gehören:

    • Tarif- und Vertragsgespräche mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen, der SUVA, der Militärversicherung und weiteren Akteuren
    • Beratung der Mitgliederbetriebe in rechtlicher und fachlicher Hinsicht
    • Öffentlichkeitsarbeit rund ums Thema Hörverlust und Berufsbild
    • Zusammenarbeit mit internationalen Verbänden und Vereinen der Branche
    • Politische- und Lobbyarbeit
    • Durchführung von Abschlussprüfungen und Organisation der Aus- und Weiterbildung.

    Besonders die Aus- und Weiterbildung liegt der Akustika seit jeher am Herzen. Sie regelt die dreijährige Grundausbildung zum Hörgerätakustiker/-in EFZ.

    Die Akustika besteht aktuell aus 86 Firmenmitgliedern mit ca. 235 Filialen, 3 Hilfsmittel- und Zubehörlieferanten und 13 Einzelmitgliedern.

    www.akustika.ch

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